Man könnte meinen, Günter Wallraff schleicht gerade durch die postmoderne Kunstszene und reißt sich im nächsten Augenblick seine Maske vom Kopf, um das Geschwätz zu entlarven: Nachdem er schon erfolgreich die documenta unterwandert hatte, um dort den Diskurs über die politischen Intentionen der Erdbeere auf die Tagesordnung zu setzen und auch sonst allerlei Schabernack trieb, versucht er sich nun auch über die „Durmstädter Brandnamen“ an der Bloßstellung der poststrukturalistischen Rehabilitierung des deutschen Nationalgefühls. Dieses Projekt soll hier stellvertretend für den aktuellen Opfer-Diskurs im Studentenstädtchen näher betrachtet werden.

Bei dem „Mal“ [1] werden möglichst viele Namen von Opfern und Augenzeugen der sogenannten Darmstädter Brandnacht – inzwischen sind es wohl an die 4000 – auf einen Papierbogen geschrieben. „Durmstadt“ bezieht sich auf die fehlerhafte Schreibweise unter einer Fotografie der Royal Airforce; Intention ist, die „fundamentale Absurdität“ darzustellen, mit der die „Bürokratie des Tötens“ ihr Opfer nicht einmal richtig zu benennen weiß. Doch zurück:

Das ganze nennt sich „kalligraphisches Mahnmal“ und ist zunächst weder künstlerisch besonders aufsehenerregend noch inhaltlich weiter bemerkenswert. Der Anspruch ist aber auch ein ganz anderer:

Das Mal ist ein selbstreferentielles Mahnmal, kein (personen-)gedenkendes Mal. Das Mal mahnt jene Kritiker_innen, die sich über das Mal empören; es mahnt ihre Kritiker_innen zur Reflexion, weshalb sie täter_innengesellschaftliches Leid nicht geltend machen, leugnen beziehungsweise tabuisieren.

Es geht also primär gar nicht um eine Diskussion der Historie, genauso wenig wie um ein Gedenken an die Opfer oder ihr persönliches Leid. Im Fokus steht eine Intervention in den Diskurs um den Umgang mit nationalsozialistischen Verbrechen. Es wird ein Spielchen begonnen, in dem Gegenreaktionen und Kritik provoziert werden sollen, um an diesen vermeintlich beleuchten zu können, welche unmenschliche Seite im Umgang mit der Vergangenheit, genauer: in der gesellschaftlich bedingten Nicht-Thematisierbarkeit des persönlichen Leids der Nazis, immer noch besteht. Sodann beschäftigt man sich etwa auf der Facebookseite auch nicht mit Ausführungen über die (fehlende) Legitimität der Bombenabwürfe im Besonderen, sondern vielmehr mit antideutschen Aufklebern, etwas peinlichen Songs von Jung-Antideutschen über Bomber Harris oder Graffiti an Kriegsdenkmälern [2].

Außerdem findet sich auf der eigentlichen Homepage der Versuch einer Abhandlung über das Leitthema, den Wunsch, „das faktische (Täter_innen-)Leid infolge der Darmstädter ›Brandnacht‹ […] aus einer reinen Anschauung implikationsfrei geltend“ zu machen. Wenn kritische Kritiker solcherlei „Faktizität faktischen Leids“ und andere Tautologien auf den Tisch bringen, wird es erfahrungsgemäß argumentativ meist etwas diffuser. Jedoch wird in fast schon dankenswerter Klarheit dann doch auch irgendwann gesagt, worum es geht: Man möchte sich endlich wieder ohne Bauchschmerzen als Deutscher fühlen können [3]. Der vulgär-poststrukturalistische Ansatz zielt dabei nicht einmal auf eine Denaturalisierung, sondern ist schlicht begriffslos gegenüber dem gesellschaftlichen Kontext und damit auch gegenüber dem Diskurs, in den er sich begeben möchte – was willkürliche Definitionen recht hilflos zu verdecken suchen.

Aber zurück zur Strategie: Durch solch ein „selbstreferentielles Mahnmal“ wird also gar nicht an die getöteten Darmstädter erinnert. Lediglich die Kritiker des Gedenkens sollen hervorgelockt werden – mit den Namen der Opfer, durch den Bezug auf ihr Leid. Prinzipiell werden damit die Geschehnisse und auch das subjektive Leid eingespannt für eine Debatte über die Befindlichkeiten der heutigen Generation. Das vorgeblich beklagte individuelle Unglück wird so gerade nicht ernst genommen, sondern instrumentalisiert für einen Diskurs darüber, warum man sich als heutiger Deutscher nicht einfach mal unverkrampfter mit der eigenen Schicksalsgemeinschaft – der Nation der Deutschen – identifizieren könne. Das ist persönlichem Leid unangemessen, da gerade so die Möglichkeit nicht mehr besteht, dieses verständlich zu machen. Die Befassung hier, die sich gerade einem vermeintlichen Menschen an sich zuwenden möchte, dem ganz konkreten und individuellen Leiden, reproduziert in der Abstraktion vom historischen Hintergrund gerade die Verfasstheit bürgerlicher Subjektivität – den „Menschen überhaupt als Subjekt wie Objekt der politischen Souveränität“ (Bruhn). So kommt nicht zur Geltung, inwiefern Einzelne dem barbarischen Treiben der Volksgemeinschaft ausgeliefert waren, und so kommt auch nicht zur Geltung, wie sehr doch auch beklagt werden muss, was eine Gesellschaft jedem einzelnen Menschen antat und antut, um erst diese Bestien hervorzubringen, die es nicht aushalten ohne eine im Blutbad gestiftete Volksgemeinschaft. Empathie, die es hier ernst meint noch mit den Tätern, beklagt die Umstände, die sie derart entmenschlichen konnte und nimmt diese ernst. Denn, dass „der Staat gleichsam eine große Schlächterei und ein ungeheurer Friedhof ist“ (Bakunin), das verdeutlicht sich zuvorderst am Gründungsverbrechen der deutschen Nation, die sich daran machte, durch die Ausrottung der vermeintlich Anderen zur „Reorganisation als hundertprozentige Rasse“ (Adorno/Horkheimer) zu gelangen, um so dem Unwohlsein in der eigenen vergesellschafteten Haut zu entfliehen.

Die Vergleichung durch das Gesetz hat den Begriff des Menschen gegen die Menschen zu verwirklichen und in ihnen zu installieren. Das Resultat dieser Operation, die negative Freiheit, die durch die Freiheit aller anderen begrenzt wird, kann nur von einem Souverän gesetzt werden, der, als praktisch gewordener und hangreiflich agierender Inbegriff des Menschen an und für sich, d.h. als Realabstraktion, gegen die empirischen Individuen sich wendet. (…) Die Identität der Menschen mit sich selbst liegt außer ihnen, im politischen Souverän; (…) und der „Gesellschaftsvertrag“, der die Gleichheit der Rechtssubjekte stiftet, erscheint daher unvermittelt und im gleichen Atemzuge als der Herrschaftsvertrag, der die Souveränität der Nation konstituiert. Die Berechtigung der Individuen als Subjekte ist nur ein anderer Name für ihre Verpflichtung und Beschlagnahmung als Objekte durch den Souverän.

(Joachim Bruhn – Das Menschenrecht des Bürgers. Zweihundert Jahre „Freiheit, Gleichheit, Sicherheit“)

Nicht jedoch hier; es wird zunächst der Pappkamerad aufgebaut, und mit dem selbst kreierten Wort der „Kulpritisierung“ bedacht, man dürfe das Leid der Deutschen im zweiten Weltkrieg nicht ansprechen. Ähnlich wie notorische Antisemiten, die ihre Hetze damit begründen, dass sie nun endlich mal sagen, was man sonst nicht sagen dürfe, wird hier gegen ein vermeintliches Tabu angegangen, ohne im geringsten darauf zu reflektieren, inwieweit dieses Sprechverbot der Realität entspricht. Einer Realität wohlgemerkt, bei der am Gedenktag gleich zwei Filme im offiziellen Programm der Stadt gezeigt werden, die nichts anderes im Sinn haben, als aufzuzeigen, wie sehr die Darmstädter gelitten haben; von den ganzen rührseligen Heimatfilmen über Vertriebene in Ostpreußen und schicksalsgebeutelten Wehrmachtssoldaten mal ganz zu schweigen. Bei besagten Filmen lässt sich nun beim besten Willen auch nicht sagen, sie würden das Leid „relativieren“, indem sie es zu stark in den historischen Kontext stellen: Kein Wort über die Shoa fällt etwa im Film „Brandmale“, wenn dieser in einigen Minuten umreißt, dass der Hintergrund der Bombennacht das nationalsozialistische Deutschland ist. Ähnlich stellt es sich in dem zweiten Film „Running with mum“ dar, in dem die Brandnacht in eine Linie mit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 gestellt werden. Islamistische Anschläge und die Bombardierungen der Alliierten, soll hier weisgemacht werden, können als ähnliche Ereignisse definiert werden, was nebenbei dem poststrukturalistischen Geschichtsdenken entspricht, da dort jegliche historische Kausalargumentation bestritten wird. Und so möchte die Pseudo-Künstlerin Louise Bostanian auch nicht über die deutsche Täterschaft sprechen, weiß aber sehr wohl wer die Ursache für das Leid der Darmstädter Geschädigten ist: Arthur Harris und die alliierten Bomber, die als Widersacher erst für die militärische Niederlage und die damit verbundene Auseinandersetzung mit der nationalen Vergangenheit verantwortlich sind [4].

Das Volk ist kein Begriff, den die Nazis erst ruinieren mußten, sondern seit hundert Jahren schon die Lüge von der notwendigen schicksalhaften Verbundenheit der einzelnen im nationalen Zwangskollektiv

Wolfgang Pohrt – Ein Volk, ein Reich, ein Frieden

Auch in einem Artikel des P-Magazins heißt es zum früheren Umgang mit der Vergangenheit: „In den ersten Jahren seien die Ausgebombten immer als unschuldige Opfer gesehen worden, die Brandnacht selbst wurde praktisch ausschließlich als unglaublich tragisches Geschehen beurteilt, erläutert der Chef-Archivar“.

Grundsätzlich macht es hier aber auch keinen Sinn, weiter historisch zu belegen, wieweit doch gerade die Beschäftigung der deutschen Bevölkerung mit dem NS nach dem zweiten Weltkrieg vor allem dem „(Täter_innen-)Leid“ galt. Reklamiert wird nämlich vor allem, dass es heute noch überhaupt Kritik an derartigen Geschichtsrelativierungen gibt; das beklagte Verbot möchte man nur selbst zu gerne den anderen aufzwingen.

Das ist das perfide dieser Argumentation. Offenkundig ist jedem, dass es so etwas wie eine wirkliche Unmöglichkeit, das Leid der Deutschen zu thematisieren, nicht geben kann, weil jeder der zahllosen bereits getätigten Ausführungen dazu dies bereits widerlegt [5]. Das ist dann aber auch nicht gemeint, sondern vielmehr die Möglichkeit zur kritik- und kontextlosen Darstellung des deutschen Leids, hier benannt als „implikationsfreie Geltung“. Leid bleibt Leid und wo mehr dazu gesagt würde, beginnt angeblich bereits dessen Relativierung. Das heißt, es wird entkontextualisiert [6] und auf einen Umgang mit dem deutschen Leid abgezielt, der ohne Verweis auf die Umstände und NS-Täterschaft auskommt. So soll gerade die Beschäftigung mit der Vergangenheit, die auf die historischen Umstände verweisen, tabuisiert werden, um zu der vermeintlich „reinen Anschauung“ zu gelangen, die deutsches Leid als eine Art Ding an sich behandelt – und die deutschen Erben nicht mit der Geschichte belastet. Aus der Geschichte abgeleitete Emanzipation verkommt somit zur bloßen Laune eines Diskurses und seines vorherrschenden Dispositives.

Dass ein derartiger Drang besteht, die hier vorliegende Thematik zu behandeln, lässt sich nun gerade nicht aus Empathie erklären, wird doch auch explizit darauf verwiesen, dass es eigentlich nicht um das Schicksal der Getöteten gehen soll, sondern um das eigene Unbehagen mit der vorbelasteten Vergangenheit. Und das dies heute noch so ist, wird den Kritikern angelastet, die ein vermeintliches Narrativ weiterspönnen, das die heutigen Deutschen zu Schuldkomplex-beladenen, emotional beschädigten Menschen heranzöge. In einem Absatz über die Motivation für das Projekt wird dies näher beleuchtet. Statt schamhaftem Betragen der „›deutsch‹ Sozialisierten mit unterschwelliger irrationaler Verlegenheit, ›neurotischer‹ Vorsicht und suspekter Behutsamkeit“ sollte man sich lösen von der Last der Vergangenheit. Denn es wird sich gegen geschichtliche Deutungshoheit im Bezug auf das eigene Deutschsein verwehrt, sogar: „mein gegenwärtiges Recht auf Geltung damaligen (Täter_innen-)Leids“ darf nicht weiter bestritten werden. Die gängigen Ressentiments gegen Hinweise auf die Verbrechen des NS, nun ist aber auch mal genug und wir haben damit doch nichts zu tun werden akademisch verklausuliert und erweitert um dem Aspekt der Notwendigkeit einer unverkrampften, also „rein-anschaulichen“ Betrachtung des deutschen – sprich eigenen – Leids zur Therapie für die vom Schuldkomplex geplagte Nachwuchsgeneration. Denn wichtig ist dies für die eigene Identität. Der Feind ist erkannt, der Feind ist, wer sich zuletzt auch selbst ins Knie schießt: „Wer […] von ‘Gesellschaft’ spricht statt von Volk, wer den lebendigen Organismus der ganzheitlichen Nation zum abstrakten und falschen gesellschaftlichen Ganzen erklärt, der denunziert sich selbst“ (Bruhn). Die Identität, das gleich sich selbst sein, hat ihr Urbild in der Existenz als Warenhüter und Staatsbürger. Und so soll die Nation jenen Rahmen stiften, an dem man sich festzuhalten genötigt sieht im kapitalistischen Hauen und Stechen – der hier jedoch damit, verhängnisvoll, gerade auch zur Identifikation nötigt mit Auschwitz. So versucht man sich an einer Spaltung in Kontext und Perspektive, die es ermöglichen soll, sich „weiter mit Siebenmeilenstiefeln [zu]entfernen […] vom braunen Ursprung der postmodernen Gesellschaft“ (ISF).

Gäbe es nicht das Bedürfnis, sich deutsch zu fühlen, ganz ohne an die empfundene „Erblast“ zu denken, die Provokation wäre nicht verständlich, die von einer Thematisierung der deutschen Schuld ausgeht. Und so soll kein Schatten fallen auf das Deutschsein der Deutschen, wo doch die Affirmation der Vergesellschaftung in der Rechtsnachfolgerin des Dritten Reiches, jenes sich Identifizieren mit der eigenen Existenz als deutscher Staatsbürger, unvermeidlich eine Verbindung zu Judenvergasung und Stalingrad herstellt. Dass die deutsche Nation sich nicht von ihrer Geschichte trennen kann nötigt die deutsch-fühlenden zu stetigen Verrenkungen, von den obskuren und relativierenden Faschismus-Definitionen der K-Gruppen bis zur Verwendung von Auschwitz als neuerliches Distinktionsmerkmal einer geläuterten Nation. Nationalgefühl ohne Geschichte ist schlechterdings nicht zu haben, und deswegen, so meinte schon Adorno, die „Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“ [7]. So konstituiert sich auch der sogenannte sekundäre Antisemitismus, der das antisemitische Bedürfnis in einer Form verpackt, die der historischen Konstellation nach dem zweiten Weltkrieg entsprechend sich nicht mehr offen gegen die Juden richtet, sondern etwa gegen Israel und den Zionismus. Und so bricht sich eine Debatte über die Geschichte immer wieder Bahn, die nicht die Vergangenheit meint, sondern das Fühlen der Gegenwart, das von dieser affiziert wird. Gleichwohl sich gegen eine Kollektivierung verwehrt wird, bleibt dieses ausgesprochener Antriebsgrund: „Ich wünschte, ich könnte mich dessen verwehren, dass historische Narrative beziehungsweise kanonisierte Geschichtskulturen und kollektive Geschichtsbewusstseine meine persönliche Identität infizieren, mein gegenwärtiges Denken, Handeln und Fühlen modifizieren oder modulieren, als sei ich gegenwärtig stellvertretend für das Tun damaliger Täter_innen verantwortlich und hätte damit – gemäß einer ohnehin perversen Norm – mein gegenwärtiges Recht auf Geltung damaligen (Täter_innen-)Leids verwirkt; als sei die genealogische Zufälligkeit vielmehr ein intentionales Sich-Einreihen(-Wollen).

Es ist fast, als wären Benjamins Thesen über die Geschichte – „Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion“ – so pervertiert und der hier getätigte „Tigersprung ins Vergangene“ gerade da zu Verunmöglichung von dessen Aneignung für eine materialistische Reflexion des Leidens. Hier drückt sich das aus im Geschwätz von einem Narrativ, als dem Diskurs über den Diskurs, den es umzudichten gälte.

Kollektivschuld. Das ist natürlich blanker Unsinn, sofern es impliziert, die Gemeinschaft der Deutschen habe ein gemeinsames Bewußtsein, einen gemeinsamen Willen, eine gemeinsame Handlungsinitiative besessen und sei darin schuldhaft geworden. Es ist aber eine brauchbare Hypothese, wenn man nichts anderes darunter versteht als die objektiv manifest gewordene Summe individuellen Schuldverhaltens. Dann wird aus der Schuld jeweils einzelner Deutscher – Tatschuld, Unterlassungsschuld, Redeschuld, Schweigeschuld – die Gesamtschuld eines Volkes. Der Begriff der Kollektivschuld ist vor seiner Anwendung zu entmythisieren und zu entmystifizieren. So verliert er den dunklen, schicksalhaften Klang und wird zu dem, als das er allein zu etwas nütze ist: zu einer vage statistischen Aussage. Vage statistisch, sage ich, denn es fehlen präzise Angaben, und niemand kann feststellen, wieviele Deutsche die Verbrechen des Nationalsozialismus erkannten, billigten, selbst begingen oder in ohnmächtigem Widerwillen in ihrem Namen durchgehen ließen. Doch hat von uns Opfern jeder seine eigene, wenn auch nur approximative und ziffernmäßig nicht ausdrückbare statistische Erfahrung gemacht, denn wir lebten ja – in der Illegalität unter deutscher Besatzung im Ausland, in Deutschland selber, arbeitend in Fabriken oder gefangen in Kerkern und Lagern – in den entscheidenden Jahren mitten im deutschen Volke. Darum durfte und darf ich sagen, es seien mir die Verbrechen des Regimes als kollektive Taten des Volkes bewußt geworden.

Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne, Bewältigungsversuche eines Überwältigten

Dabei wird an einigen Stellen explizit darauf verwiesen, dass es nicht darum gehe, die NS-Täter selbst freizusprechen, jedoch aber die Kinder und Enkel doch bitte verschont bleiben sollten, d.h.: das frühere Leid anerkennen dürfen sollen. Fragt sich auch hier, wo denn die vermutete Unmöglichkeit liegen soll, das konkrete Leid der eigenen Vorfahren als solches reflektieren und begreifen zu können. Die Abgrenzung der „Durmstädter Brandnamen“ von rechten Tendenzen und ihre Spende an das Deportationsdenkmal am Güterbahnhof passen zum postmodernen Nationalbewusstsein: Da die deutsche Vergangenheit nun einmal aufgearbeitet wurde und das Volk geläutert ist, wurde ein vermeintlicher Vorsprung erarbeitet, der es den Deutschen erlaubt, die moralische Weltpolizei begründet durch ihre Vergangenheit zu spielen. So kann bspw. in den deutschen Zeitungen das Morden des IS als noch nie dagewesene Grausamkeit tituliert werden [8].

Jegliche Kriege werden sodann zur vermeidbaren Barbarei erklärt ohne auf die jeweilige historische Situation eingehen zu müssen. Auch „Durmstädter Brandnamen“ verfährt so, wenn nächtliche Aufnahmen der Bombenabwürfe auf Darmstadt mit dem dem Angriff der Briten und Amerikaner auf den Irak im Jahre 1998 in ein und denselben Kontext gestellt werden.

Fraglos: Der Feuersturm, der in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1944 nach einer Attacke der Nr. 5 Bombing Crew der RAF in der Altstadt wütete, war schrecklich, ebenso das Leben in der so geschaffenen Trümmerwüste. Fraglich nun aber, wer das bezweifeln würde. Das es Leute gibt, die sich an solchem Leid ernsthaft erfreuen würden, ist vielmehr Gegenstand der pathischen Projektion derjenigen, die sich sodann wüst an solchen Nestbeschmutzern abreagieren wollen.

Wenn nun aber die Rechtmäßigkeit des moral bombings und des Luftkriegs gegen die deutsche Bevölkerung betont wird, dann soll dies nicht das Leid der konkreten Einzelnen negieren, sondern die historische Notwendigkeit solcher Scheußlichkeiten herauskehren, um damit erst die perverse Konstellation zu beleuchten, die es den alliierten Truppen aufnötigte, die antisemitische Raserei und den Vernichtungskrieg mit derartigen Mitteln zu beenden. Wer sich außerhalb dieses Kontextes individuell mit dem Leid von Individuen beschäftigen möchte, zu denen ein persönlicher Bezug besteht, dem steht es frei, dies zu tun. Schlimmstenfalls verstellt man sich so jedoch den Weg, nachvollziehen zu können, was passiert ist. Wer jedoch umstandslos die Darmstädter anspricht, damit auf ein kollektives Leid rekurriert und die Debatte um die öffentliche Trauerkultur eröffnet, der muss sich auch mit der kollektiven Schuld befassen, von der diese Ereignisse nicht getrennt werden können. Und die Forderung, endlich von den Ursachen für das Leid zu schweigen, reicht an die Erpressung heran, mit der schon Helmut Schmidt anlässlich der deutschen Einheit drohte, dass, wer sich hier gegen die Sache der Deutschen stelle, „einen gefährlichen deutschen Nationalismus auslösen könne“.

Ebenfalls fraglich ist, wie diese Aktion „insbesondere für Leid in aktuellen Täter_in-Opfer-Konstellationen sensibilisieren (Ukraine, Gaza u.a.)“ möchte – und wer denn nun in der Ukraine oder in Gaza die Täter_innen sein sollen. Nahe liegt dabei der Versuch einer negativen Auflösung der ungesühnten Schuld der Deutschen und die gleichzeitige Gleichsetzung der israelischen Politik im heutigen Konflikt mit dem historischen Schicksal zwecks Reinwaschung der deutschen Nation von ihrer Erbsünde. Und das Lamento der Identitätsbelastung ist nur die andere Seite der argumentativen Vorbereitung einer Notwehr zur Rekonstituierung deutschen Identitätstaumels.

Fußnoten:

[1] Alle Zitate von der Homepage kursiv und in Anführungszeichen.

[2] Dass orientierungslose radikale Linke, in ihrer Ablehnung dieser Nation oft in ähnlicher Form nach Identität suchend sich in allerlei Abwegigkeiten verirren, ist nicht von der Hand zu weisen. Dennoch kann auch eine Provokation des bürgerlichen Bewusstseins zu den Reaktionen führen, wogegen selbiges sich eigentlich verwehren.

[3] Wahrscheinlich wird sich der Künstler gegen diese Anschuldigung verwehren und eventuell sogar versuchen, dies durch irgendeine Argumentation zu belegen. Wahrscheinlich ist aber auch, dass dieser Umgang mit Kritik nur den eigenen Standpunkt gegen Kritik abzudichten sucht, nicht auf diese eingeht und sie wirklich reflektiert – das zeigen zumindest die bisher aufgeführten Punkte, die sich zumeist gerade nicht den Vorwürfen stellen, sondern durch Wortverdreherei diesen ausweichen: „Entkontextualisierung: Nicht die ›Brandnacht‹ an und für sich, sondern vielmehr die Nicht-/Anschauung beziehungsweise Nicht-/Geltung des ›Brandnacht‹-bedingten Leids seitens gegenwärtiger Menschen ist Gegenstand: Durmstädter Brandnamen betrachtet wie Gegenwärtige das Damalige betrachten. Durmstädter Brandnamen ent-kontextualisiert gerade nicht die Flächenbombardements auf die Zivilbevölkerung, sondern erweitert vielmehr den damaligen und gegenwärtigen (Realitäts-)Kontext mittels multiperspektivischer Anschauung und Geltung des Damaligen. […] Zweifelsohne, das faktische (Täter_innen-)Leid infolge der Darmstädter ›Brandnacht‹ war, ist und bleibt gravierend und möge aus einer reinen Anschauung implikationsfrei geltend gemacht werden (dürfen).“ Der Widerspruch, dass eben Entkontextualisierung gerade meint, etwas „implikationsfrei geltend“ zu machen, weil eben schon der Kontext diese Implikationen unweigerlich mit sich bringt, wird hier durch das Schwafeln davon abgetan, dass man durch die andere Anschauung eine neue Perspektive, damit einen neuen Kontext schaffe.

[4] So soll mit einem Video, in dem Luftwaffenmarschall Arthur Harris, der für die Planung der Einsätze in Darmstadt und anderen deutschen Städten verantwortlich war, in vollkommener Stille gezeigt wird, ein „Bewusstseinswandel“ erzeugt wird. Dass damit die Rehabilitierung des nationalen Bewusstseins befördert werden soll muss aber in diesem Jargon der Eigentlichkeit keine besondere Erwähnung mehr finden, ist doch der Bezugsrahmen eines nicht weiter hinterfragbaren nationalen Narratives stillschweigend vorausgesetzt.

[5] Exemplarisches Beispiel: Das hier genannte Objekt der Sorge, die paternalistisch umsorgten Ausländer, die durch die Schwächen der hiesigen Identitätsangebote nicht genügend integriert werden könnten, wüssten nicht, um das, was es Gutes zu Deutschland zu sagen gibt: Wirtschaftswunder, saubere Straßen (West-Deutschland).

[6] Da hilft es auch wenig, dass mit schlechten Wortspielchen vorgeblich Geschichtsrelativismus und Entkontextualisierung widerlegt werden, indem behauptet wird, man beziehe sich nicht auf die Geschichte – in einer Debatte über das Verhältnis der Menschen zur Geschichte! – und schaffe einen neuen Kontext – den des deutschen Leidens, der doch längst besteht für jeden, der sich der Banalität gewahr ist, dass auch Nazis bluten und leiden.

[7] Für den Künstler gereicht jedoch jeder Verweis auf eine Ablehnung der deutschen Nation zum Beweis der menschenverachtenden, „kulpritistischen“ Gesinnung – wer das eigene Volk verrät, der muss ein Menschenfeind sein.

[8] Ein guter Kommentar hierzu in der Frankfurter Rundschau

Nationale Identität

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